Europäisches Festival für anderes Musiktheater.

8. bis 18. April 2010

I. GASTSPIELE (Deutsche Erstaufführungen)
1.) Susanne Marx / Evrim Demirel, V.E.T.: „Geboeid“ (Holland)
Die Geschichte über ein junges, westliches Mädchen, das in die Türkei „ausgeheiratet” wird. Evrim Demirel, ein junger türkische Komponist, hat frei und doch inspiriert durch Mozarts „Entführung aus dem Serail“ neue Musik komponiert, u.a. mit Samplern, Elektronik und einer Harfe.
Die niederländische Choreographin und Regisseurin Susanne Marx arbeitet hier mit einem gemisch¬ten Ensemble zwischen Rap, Tanz und Klassik.

2.) Jiri Adámek, boca/loca/lab: „Europeans” (Tschechien)
Adámeks szenische Komposition reflektiert das momentane europäische Gefühl der Desorientierung, den Verlust eines eigenen Bewusstseins und den Verfall des allgemeinen kulturellen und ideologi¬schen Umfelds. Das „Libretto” besteht aus Schlagzeilen, medialen und zeitgenössischen Klischees.
Regie/Konzept: Jirí Adámek und Boca Loca Lab.
Gegründet von dem Regisseur und Theaterkritiker Jirí Adámek, hat sich die Gruppe einem Theater verpflichtet, das vor allem musikalische Prinzipien nutzt. Für seine experimentell musikalisch-szeni¬schen Kompositionen und seine theoretischen Beiträge erhielt Adámek kürzlich auf dem New Wave Festival den „Personality of the Year“ Award im Bereich alternatives Theater in Tschechien.

3.) Von Krahl Theater: „The Magic Flute. Remixed and Explained” (Estland)
Peeter Jalakas befasst sich in seiner „Alchemic tragedy“ mit der Geschichte, die sich zwischen der Geburt Mozarts und der Eröffnung des Museums für zeitgenössische Kunst in Tallinn 2006 abspielt – also jene Periode, die sich beschreiben ließe als fortschrittsgläubig und rational. Nun stehen wir am Beginn des Endes dieser „Öl-Ära“. Das von Krahl Theater wurde 1992 durch Peeter Jalakas gegründet und zählt zu den international gefragtesten Ensembles aus Estland. Im Bereich Musiktheater wurde seit 2002 jährlich mindestens eine große Produktion realisiert, u.a. „Lieder estnischer Frauen“, „Lieder estnischer Männer“ oder mit Gavin Bryars und dem Nyyd Ensemble „A man in a room, gambling“.

4.) Theater Taptoe / I Solisti del Vento: „De vliegende Hollander“ (Belgien)
Wagners große romantische Oper wird zu einem faszinierenden 75-minütigen Mix aus Figuren- und Objekttheater, gespielt von 5 Solisten, einem 6-köpfigen Männerchor und dem Ensemble I Solisti del Vento, einem 13 Mitglieder umfassenden Bläserensemble. Für alle ab 12 Jahren.
Neben ihrer intensiven Konzerttätigkeit haben I Solisti del Vento bereits einige Musiktheaterbearbei¬tungen realisiert, u.a. für die Neuarrangements zweier Mozartopern. Sie konzertieren im In- und Aus¬land (u.a. Concertgebouw Amsterdam).
Das Figuren- und Objekttheater Taptoe wurde seit seiner Gründung im Jahre 1968 bereits dreimal als „Kulturbotschafter Flanderns“ ausgezeichnet. Seit dem Jahr 2006 realisiert Taptoe verstärkt Koproduktionen im Bereich des Musiktheaters, gemeinsam mit I Solisti del Vento entstand bereits „Don G.“, nach Mozarts „Don Giovanni“.

5.) Centraltheater Leipzig/ Rainald Grebe: „Alle reden vom Wetter. Die Klimarevue“
„Jeepfahrer! Klimaschweine! Verfechter der Regionalen Küche! Die Letzte Band der Welt lädt ein ins Centraltheater!“, heißt es in der Ankündigung der Produktion, an der neben Grebes „Kapelle der Versöhnung“ auch Schauspieler des Theaters beteiligt sind. Für die musikalische Einstudierung ist der Musiker Jens-Karsten Stoll zuständig, der bereits mit Nino Sandow, Max Goldt und dem Countertenor Jochen Kowalski zusammenarbeitete.
„Keine Zeitung ohne CO2. Kein Tag ohne Klima. Es umgibt uns. Überall. Die apokalyptischen Reiter sind gasförmig“, heißt es weiter in der Vorschau. Es werde nicht in erster Linie wärmer, sondern unberechenbarer, meint der in Köln geborene Dichter, Autor, Liedermacher und Schauspieler, der in den vergangenen Jahren zahlreiche Kleinkunst-Preise gewonnen hat.

II. KOPRODUKTIONEN der Neuköllner Oper
1. Uraufführung:

„A Fistful of Love”
von Dejan Dukovski und Sandy Lopicic

Zwei Brüder treffen sich als Soldaten gegnerischer Truppen durch Zufall wieder. In der letzten Nacht vor der Entscheidungsschlacht sitzen sie nun, nach Jahren der Trennung, zwischen den Fronten in einer evakuierten Stadt fest. Es gibt kein vor und zurück, kein Morgen mehr. Als Deserteure wissen sie, diese Nacht wird ihre letzte sein. Erinnerungen kommen hoch, vor allem an Maria, die Verlobte des älteren. Doch wo ist Maria nun? Was ist mit ihr geschehen, was mit den Eltern, was mit ihnen selbst? Und welche Geschichte ist wahr? Alte Rechnungen werden beglichen und schockierende Geständnisse riskiert. Und über allem schwebt jene Maria, mit ihrem Mythos und dem ungeschönten Blick auf zwei ungleiche Brüder. Und auf ein Land, das den Krieg vergessen will.
Auf Initiative der Neuköllner Oper entwickelt Dejan Dukovski (geboren in Skopje) zusammen mit dem Musiker Sandy Lopicic (geboren in Sarajewo) ein neues Musiktheaterstück für drei Schauspieler des Mazedonischen Nationaltheaters.
Text: Dejan Dukovski
Musik: Sandy Lopicic
Ausstattung: Hanna Landes
Koproduktion mit dem Nationaltheater Skopje, unterstützt durch Goethe-Institut Skopje

2. Uraufführung:

„New Babel Sounds“
David Moss und Muziektheater Transparant

Neukölln ist Zukunft: Dicht gedrängt leben hier 160 Nationalitäten aufeinander, mit all den Schwierigkeiten und den noch ungenutzten Potentialen.
Wie klingt die Zukunft, wie klingt Neukölln?
Für OpenOp öffnet sich das Festival zu einer großen abschließenden Aktion, die acht Stimmkünstler aus unterschiedlichen europäischen Ländern mit einem multinationalen Chor Neuköllner Laien zusammenführt. In diesem Song-Spektakel wollen wir einen klingendes Bild von einem Europa zeichnen, das die babylonischen Stimmverwirrung überwindet zu einem neuen Miteinander der vielfältigen Stimmen und Erfahrungen. So wird das alte, aus Hybris und Anmaßung zusammengebrochene Babel neu erbaut mit der Kraft von gegenseitigem Interesse, Respekt und Lernen.
Koproduktion mit den Operadagen Rotterdam und dem Muziektheater Transparant, Antwerpen auf Initiative der Neuköllner Oper

3.

„Bordellballade“
Von Franzobel (Text) und Moritz Eggert (Musik)

Wir befinden uns an einem Ort jenseits der Grenze. In einem kleinen Bordell mit Namen Menschenhaus. Die Freier kommen von drüben, weil es hier billiger ist. Die Schutzgelderpresser stammen von hier. Und die fleißigen Lieseln, also die Dirnen, stammen von irgendwo …
„Ein kleines dreckiges Stück, anstelle großer Oper“ nennt Moritz Eggert seine Bordellballade.
Inspiriert vom „Mahagonny-Songspiel“ Weills und Brechts hat Franzobel einen Text erfunden über die Verrohtheit des Menschen in Zeiten der Wirtschaftskrise. Sowieso sei „das Leben grauslich und schmutzig“ – „das Verdrängte, das Unverheilte“ interessieren den Bachmann-Preisträger. Eggert wiederum zeichnet sich aus durch Werke wie ein „Fußball-Ballett“ für den Wiener Opernball oder einer Collage aller 22 Mozart-Opern für die Salzburger Festpiele.
Soweit einige Vorbedingungen für dieses „Dreigoscherlnstück“, das in Kooperation mit dem Kurt-Weill-Fest Dessau und dem Theater Koblenz entsteht.

4. Uraufführung:

„Helden der Oper“ – Die kleinste Gala der Welt
Von Suse Wächer und Hans Jörn Brandenburg

Hilfe! Die Gala stirbt aus. Springer sagt die Bambiverleihung ab, Bayreuth streicht den Festspielempfang und der „Echo“ wird von Oliver Pocher moderiert. Doch aus Neukölln naht Rettung: Gastgeber Dr. Sigmund Freud bittet ans Mikrofon und auf die (Gäste)couch, seine Tiefenbohrungen im Urschlamm der Oper fördern Erstaunliches zu Tage…
Koproduktion mit dem PAZZ Festival des Staatstheaters Oldenburg

III. EIGENPRODUKTIONEN
1. Uraufführung „Peer lügt!“
Ein Trip nach Ibsen und Grieg. Von Volker Schmidt und Hans Platzgumer

Peer hat schon viel versucht, aber nichts beendet. Peer hetzt durchs Leben. Ein Träumer. Ein Angeber. Auf der Suche nach dem Besonderen, Einmaligen. Immer vorwärts und immer die Angst vor dem Tod im Nacken. Volker Schmidt (u.a. Preisträger Heidelberger Stückemarkt) und dem Komponisten/DJ Hans Platzgumer (ex Goldene Zitronen) folgen ihrem Peer auf seinen virtuellen Reisen und Exzessen, ein Unterfangen zwischen Schauspiel, Rap, Oper und Loop.

2. Uraufführung: „Schreberzone“
von und mit schindelkilliusdutschke

Sie heißen Abendruh / Bergfrieden / Ewige Heimat oder Unter Uns – die Namen lesen sich wie ein Panoptikum der „deutschen Seele” aus dem Zeitalter der Romantik. Kleingärten sind aber längst kein deutsches Phänomen mehr: Die Sehnsucht nach dem 24m2 großen Lauben-Paradies mit Gärtchen zieht sich durch jedes Alter, alle Schichten und Migrationshintergründe: Traditionell im Großstadtleben verankert, aber immer vom Verschwinden durch Stadtentwicklung und Urbanisierung bedroht. Die Musiktheater-Formation schindelkilliusdutschke wird sich in den Keller der Neuköllner Oper vergraben und dort aus Garten- und „Hochkultur“ einen eigenwilligen, organischen, musikalisch-performativen Kosmos weben. Es soll ein virtueller Schrebergarten entstehen, in dem „die Kinder arbeiten und spielen“ (wie es Moritz Schreber vorschwebte), die fruchtbare Natur gedeiht, und das gehetzte, schnelle Leben für einen Abend entschleunigt wird. Was wachsen will, braucht Zeit. Und dabei hat die Musik ihren eigenen Rhythmus, ihre eigene Zeit, die sie ebenso gegen den Rhythmus der „Natur“ wie gegen den der „Stadt“ setzt.

3. Uraufführung „Lovesick“
Ein Taumel von Sommer Ulrickson, Moritz Gagern

Drei singende Tänzer und drei tanzende Sänger/Musiker kreisen um das Drama der liebeskranken NASA-Astronautin Lisa Nowak, die nach 1500 km Fahrt ohne Pause und einer Pfefferspray-Attacke verhaftet wurde. Wie krank macht Liebe? Wie verändert sie die Welt? Eine körperlich-musikalisch-diskursive Recherche über die unterschätzte Epidemie und letzte Krankheit unserer Kultur.

IV. OpenForum: Stipendiatenprogramm für anderes Musiktheater
Die Neuköllner Oper sucht mittels Ausschreibung zehn junge Musiktheaterprofis ( Festivalmacher, Regisseure, Bühnenbildner Sänger, Musiker, Librettisten, Komponisten) im Alter von 20 bis 35 Jahren. Sie sind als Stipendiaten eingeladen, während des Festivals an Workshops, Diskussionen und Vorträgen teilzunehmen. Zusammen mit den zum Festival eingeladenen nationalen und internationalen Künstlern unterschiedlichster Bereiche gehen sie Fragestellungen eines zeitgemäßen Musiktheaters nach wie:
Welche Möglichkeiten bietet alternatives Musiktheater? Wo steht es im internationalen Kontext? Ergänzt wird die praktische Arbeit von offenen Vorträgen und den Vorstellungsbesuchen der eingeladenen Gastspiele und Ko- & Eigenproduktionen.

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