IN SCHÖNHEIT STERBEN.

Ein Internationales Festival über Gewalt im Musiktheater und in unserer Realität.

Die Oper war jahrhundertelang der erlesene Ort für die Darstellung von Mord, Liebe und Gewalt im schönen Schein von Musik und Theater. Seine Protagonisten und das Publikum kennen sich bestens aus mit der Darstellung von Gewalt, Mord und Totschlag. Keine Oper ohne schönen Tod.

Doch gewöhnlich steht der/die tote Opernheld_in zum Applaus wieder im Rampenlicht. Im realen Leben haben Gewalt und Terror in beängstigender Weise zugenommen und rücken, täglich näher. Verletzte und Tote begleiten unsere „Normalität“ und versperren doch den Weg in den Alltag. In der Oper wurden seit Anbeginn (man denke an Monteverdis Poppea!) Konzepte und Gründe auf die Bühne gebracht, für die man mordet: Eifersucht, politisches Kalkül, Ideologie…

Diese Konzepte haben nun auch auf Plätzen, Diskotheken, Einkaufszentren und anderen Orten derzeit Hochkonjunktur, und natürlich im Internet, wo u. a. auch ästhetische Mittel des Musiktheaters verwendet werden, um z. B. Hass-Videos zu inszenieren.

Was also macht das mit uns, dem Musiktheater, seinen Machern und Zuschauern? Wie reagiert Oper/Musiktheater auf die aktuellen Gewalterfahrungen, und nicht nur in Deutschland? Könnte oder sollte sich Musiktheater verändern, unter den gemachten Erfahrungen?

Zu diesen Fragen stellen wir an vier dicht gefüllten Tagen exemplarische Inszenierungen zur Diskussion: drei Gastspiele aus Krisengebieten Europas, Freie Produktionen aus Berlin, Gespräche und Begegnungen sowie eine Neuproduktion, die wir eigens für das Festival entwickelt haben: TOSCA G8.

FESTIVALERÖFFNUNG.

DONNERSTAG, 20. OKTOBER, 18.30 Uhr
HOFPERLE

Eintritt frei

KILLING DESDEMONA.

Balletto Civile (I)/Jochen Arbeit (DE)

PREMIERE 20.10.2016, 19:00 Uhr.
Neuköllner Oper, Saal

Italien ist eines der Länder mit einer traurigen Rekordmarke: der Tötung von Frauen aus Eifersucht und anderen Motiven. KILLING DESDEMONA spürt den Konzepten nach, die hinter den Begriffen von Liebe, Treue, Schande und Ehre stehen.

„Die Welt der Männer ist die Welt des Wortes, der Regeln und Gesetze. Desdemona ist die einzige Frau in dieser männlichen Welt – ihr bleibt die Sprache des Körpers und des Gesangs.“ sagt Michela Luccenti, die Leiterin der Compagnie, die dieses Tanz-Körper-Musiktheater in Zusammenarbeit mit Jochen Arbeit („Einstürzende Neubauten“) geschaffen hat. Mit deutschen Untertiteln. Dauer: 70 min.

MITWIRKENDE

Idee: Michela Lucenti / Maurizio Camilli | Inszenierung und Choreographie: Michela Lucenti | Komposition und Live Musik: Jochen Arbeit | Ausstattung: Chiara Defant | Licht Stefano Mazzanti
Eine Produktion von Balletto Civile, Jochen Arbeit, Festival delle Colline Torinesi/Turin in Zusammenarbeit mit der  Neuköllner Oper
BALLETTO CIVILE ist die führende italienische Companie im Stile von Pina Bausch mit internationalen Auftritten (USA, Japan etc)  und prominenten Projekten (mit Robert Wilson u.a.) .

R+J.

Sashko Brama / Timur Gogitidze (UKR)

PREMIERE 20.10.2016, 21:00 Uhr.

Werkstatt der Kulturen

Roma und Julia stehen sich – nur durch eine Barrikade getrennt – gegenüber. Genauso wie bei Shakespeare. Jedoch nicht in Verona sondern in der Ukraine. Er, der Aktivist aus Lviv, sie, die Tochter eines russischen Separatisten aus dem Donbass. Sashko Brama, einer der wichtigsten jungen ukrainischen Regisseure, macht in diesem szenischen Rockkonzert den Kampf um den Maidanplatz zum Showdown für eine Generation, deren Heimat am Zerbrechen ist. Mit deutschen Untertiteln. Dauer: 75 Min

MITWIRKENDE

Text und Regie: Sashko Brama | Musik: Timur Gogitidze, FaUst, Freddy Marx Street | Video: Volodymyr Stetskovych | Ensemble: Marko Banko (Gesang), Shkvarok Ivanna (Gesang), Sergii Smetaniuk (E-Bass), FaUst  (E-Gitarre / midi-keyboard), Oleksandr Pelypenko  (Videojockey)
SASHKO BRAMA und Ensemble zählen zu den angesagten Theatermachern der jungen Generation in der Ukraine mit Gastspielen in Deutschland u.a.

SALES OF A DEADMAN.

Opera Lab Berlin

PREMIERE 21.10.2016, 19:00 Uhr.
Heimathafen Studio

Nichts als ein Koffer ist dem Salesman geblieben. Genug jedoch, um noch die letzten Dinge zu Geld zu machen: Geschichten, Beziehungen, Erinnerungen werden zu Trödel. Im Solostück Sales of a Deadman, einer freien musiktheatralen Adaption des Dramas von Arthur Miller (Komposition: Evan Gardner), dreht sich alles ums Verkaufen. Noch der Tod ist Teil der erbarmungslosen Wertschöpfungskette. Dauer: 70 Min

Mit freundlicher Unterstützung durch den Norwegischen Komponistenverband und die Hochschule für Musik „Hanns Eisler“

MITWIRKENDE
Komposition: Evan Gardner | Inszenierung: Michael Höppner | Bühne & Kostüme: Judith Philipp
Maske: Martin Rink | Magnús Hallur Jónsson: Tenor, Salesman | Susanne Fröhlich: Blockflöte | Pedro Pablo Cámara Toldes: Saxophon | Musashi Baba: Posaune | Alba Gentili-Tedeschi: Live-Elektronik
OPERA LAB BERLIN ist ein freies Ensemble für zeitgenössisches Musiktheater, das sich als Labor der Stimme und des Instrumentalspiels im Zeichen einer wirklichkeitsnahen und gattungsübergreifenden Theatralität versteht.

FLIEG, MEINE SEELE (RÖPÜLJ, LELKEM).

Operette von K2 (HUN).

PREMIERE 22.10.2016, 19:00 Uhr.
Heimathafen Saal

Anlässlich des ungarischen Nationalfeiertags soll der letzte Stein der großen „Mauer der Nationalen Einheit“ gesetzt werden, welche das Land vom Rest der Welt hermetisch abschotten wird. Die gesamte Elite des Landes begeht diesen Festtag mit einer Theateraufführung im ungarischen Parlament, während ein Attentäter sich daran macht, diesen Ort zu einem Fanal werden zu lassen. Das junge Theaterkollektiv K2 nutzt szenisch wie musikalisch alle Mittel der Operette um der explosiven Lage in seiner Heimat mit Humor, der vielleicht wichtigsten Waffe der Kunst, zu begegnen. Mit deutschen Untertiteln. Dauer: 180 Min

MITWIRKENDE

Dániel Borsányi, Rozi Lovas, Balázs Viktor, Anna Boros, Zsolt Domokos,  Krisztián Rózsa, Emoke Piti, Szabolcs Horváth, Kicsi, Ágoston Szabó Sipos, András Csizmás,  Dezso Georgita, Barbara Papp, Adrienn Erdélyi, Ádám Pignitzky

Musik: Szabolcs Horváth, Ágoston Szabó Sipos | Ausstattung: Sára Luca Jeli | Regie: Péter Fábián, Bence Benkó
K2 ist ein freies Theaterkollektiv aus Budapest und Kaposvár und ein Geheimtipp aus Ungarn: hier wird auf dem verpönten Feld der Operette eine musikdramatische Satire gefeiert, wie sie sich derzeit nur wenige Theaterleute trauen.

HAUEN UND STECHEN: Festivaledition

MUSIKTHEATERKOLLEKTIV HAUEN•UND•STECHEN

Uraufführung SAMSTAG, 22. OKTOBER, 21:00 UHR
REMISE

Die genreübergreifenden Performances des Teams um die Regisseurinnen Julia Lwowski und Franziska Kronfoth sorgen stets für Furore. Für das Festival entsteht nun ein Opern-Event um Puccinis Turandot, das Grenzen überschreitet: Stirbt man am Starksein oder am Klugsein? Der Einsatz ist hoch – Darsteller/-innen und Zuschauer/-innen stehen gleichermaßen auf dem Spiel.  Ca. 60 MIn
Mit einer wilden und unverwechselbaren Theatersprache haben  die Regisseurinnen Julia Lwowski und Franziska Kronfoth und Team eine besondere Performance-Reihe geschaffen:  HAUEN UND STECHEN.

MITWIRKENDE: Roman Lemberg – Musikalische Leitung | Toni Jessen, Gina-Lisa Maiwald – Schauspiel | David Ristau – Bariton | Hauke Renken – Schlagwerk | Julia Lwowski – Regie | Franziska Kronfoth – Regie, Performance | Christina Schmitt – Bühne | Günter Lemke – Kostüme | Maria Buzhor – Dramaturgie, Performance | Johanna Ziemer – Dramaturgie | Wieland Lemke – Dramaturgieassistenz | Jana Donis – Bühnenbildassistenz | Thilo Mössner und Martin Mallon – Fotografie und Video | Konzept – Musiktheaterkollektiv HAUEN•UND•STECHEN

SPECIALS

POLITIK#WIDERSTAND#MUSIKTHEATER:

Gespräch mit Hans-Christian Ströbele und Michael von zur Mühlen

FREITAG, 21. OKTOBER, 22:00 UHR
Neuköllner Oper, Saal

Erinnern Sie sich noch an die polizeilichen Übergriffe während des G8- Gipfels in Genua 2001? Die Jahre später vom EU Gerichtshof als »Folter« verurteilt wurden? MdB Hans-Christian Ströbele war einer der ersten Politiker, die direkt nach Genua zu den verletzten Demonstranten reisten und der an diesem Abend über seine Eindrücke spricht. Zugleich geht es um Fragen nach heutigen Möglichkeiten von Widerstand/politischer Partizipation, und darum, wie sich Musiktheater zu drängenden gesellschaftlichen Fragen verhalten kann. Dazu spricht der junge Regisseur Michael von zur Mühlen von seiner Arbeit am Opernhaus Halle, einer Stadt mit einer signifikant hohen AfD-Wählerschaft.
Moderation: Bernhard Glocksin | Neuköllner Oper

Hans-Christian Ströbele musste aus gesundheitlichen Gründen kurzfristig absagen. Wir konnten einen weiteren Zeugen der Genoveser Geschehnisse gewinnen. Außerdem werden der Regisseur der Produktion „TOSCA G8“ sowie Daniel Albrecht anwesend sein, der weitere Details der massiven Verstöße gegen die Menschenrechte in Genova im Juli 2001 aus eigener Erfahrung mitteilen kann.

SOUNDSCAPES.

ImproConcert with  Jochen Arbeit (guit/electronics), Munsha (voice, cello)  & spec. Guests

Donnerstag, 20. Oktober, 22.30 Neuköllner Oper, Saal

Jochen Arbeit (EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN/AUTOMAT) schreibt über sein Improvisationskonzert:
Die Aufgabe ist ein Versuchslabor zu gestalten in dem Klangkünstler die Ergebnisse ihrer Forschungen im öffentlichen Raum austauschen können.
Entscheidend ist dabei der Moment des spontanen Aufeinanderantreffens zweier unterschiedlicher und voneinander unabhängiger Systeme der Klangerzeugung.
Die Ereignisse werden unberechenbar, eigenständig und temporär sein.

Jochen Arbeit zieht 1980 nach Berlin und wird Teil des losen Künstler-und Musikerkreises GENIALE DILETTANTEN, welcher seine Wurzeln in der Punk- und Dadabewegung hatte. 1983 wird er als Gitarrist Mitglied der einflussreichen Instrumentalband DIE HAUT, mit der er Tourneen in Europa und Übersee spielt. Die Band produziert Alben in den USA mit geistesverwandten Musikern und Sängern. Die Band trägt immer Anzüge auf der Bühne.1997 wird er Musiker und später offizielles Mitglied der Avantgarde-Krach Band EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN, die er in den frühen achtziger Jahren kennengelernt hatte.2006 gründet er zusammen mit der Performern Vania Rovisco und Abraham Hurtado die Kunstplatform AADK die heutzutage von Spanien und Portugal aus tätig ist. 2011 gründet er zusammen mit Zeitblom und Achim Färber die Dub-Techno Band AUTOMAT und produziert 3 Alben und diverse Singles auf dem Hamburger Label Bureau B.  Desweiteren veröffentlicht er ein Soloalbum, spielt Solo-Shows und komponiert Soundtracks für Tanztheater und Performances.

COME TOGETHER ARTISTS&AUDIENCE.

Das zentrale backstage-Festivaltreffen: Zusammenkommen und -feiern, Speed-daten und Networken, Tanzen und Verabreden: Berlin meets Italy, Ukraine and Hungary.