IN

SCHÖNHEIT

STERBEN?

DREI FRAGEN ZUR OPER.

Theater der Zeit und Neuköllner Oper fragten zu Saisonbeginn in die deutsche Theaterlandschaft: was ist los mit Oper und Musiktheater in Anbetracht der neuen Herausforderungen einer veränderten Gesellschaft?

Nun liegen die ersten Statements vor – wir laden zu einer lebhaften Diskussion und Positionierung ein, zu einer Debatte, die über den reinen Expertenmarkt der Opern-Macher hinaus gehen könnte.

Die Neuköllner Oper Berlin veranstaltete vom 20.-23.10.2017 zum Thema Schönheit und Gewalt ein internationales Festival, das Alternatives Musiktheater aus Europa und Berlin präsentiert und Positionen der online-gestellten Befragung auch „analog“ leibhaftig im Festivaldiskurs aufgreift und vertieft.

Bis zum Festivalbeginn stellten wir daher immer wieder neue und weitere Statements auf diese Seite – Statements, die sich vielleicht auch auf Ihre Kommentare beziehen und die Diskussion verbreitern – neue Impulse also. Und die braucht doch das Land?!

WAS MÖCHTEN SIE GERNE IM MUSIKTHEATER ERLEBEN?
WAS DAVON FINDET WIRKLICH STATT?

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Nicola Hümpel,

was möchten Sie gerne im
Musiktheater erleben?
Was davon findet wirklich statt?

 

Stimmen im aktuellen Kontext – Einen tatsächlichen Dialog der Gattungen Gesang, Musik, Schauspiel, Tanz, Performance, die eine Resonanz der aktuellen Gesellschaft bilden. Auf klassischen oder modernen Kompos-itionen basierende Produktionen, die – unabhängig davon wie frei und in welche Richtung sie sich entwickeln – aus dem Geiste der jeweiligen Musik sowie dem der Interpreten erwachsen. Abende die berühren und dabei kritische sowie politische Gedanken anstoßen …

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Ingo Günther,

was möchten Sie gerne im
Musiktheater erleben?
Was davon findet wirklich statt?

 

Zunächst einmal möchte ich im (Musik-)Theater etwas ERLEBEN! Und dieses „Erleben“ verstehe ich als Gegenpol zum „Konsumieren“ eines bis ins kleinste Teil inszeniertes, kontrolliertes, wiederholbares, schönes, politisch korrektes, intelligentes und so genanntes „Gesamtkunstwerkes“. Ich wünsche mir im Musiktheater vielleicht mehr Mut zur kontrollierten Anarchie, oder zur unkontrollierten Perfektion, welcher im 20. Jahrhundert ja schon viele Kunstformen zur Blüte gebracht hat …

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Patrick Wengenroth,

was möchten Sie gerne im
Musiktheater erleben?
Was davon findet wirklich statt?

 

Wann immer ich in eine Theaterveranstaltung gehe, möchte ich gern einen Zugriff auf den mir dargebotenen Stoff sehen, der eine Reibung mit unserer aktuellen Lebensrealität intendiert. Nichts ist schlimmer – und das passiert im Musiktheater allzu oft –, als einer Musealisierung der klassischen Stoffe beizuwohnen. Ich wünsche mir da mehr Mut im Fragmentieren und Dekonstruieren des vorhandenen Materials. Beim zeitgenössischen Musiktheater sehe ich des Öfteren gute …

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Dietmar Schwarz,

was möchten Sie gerne im
Musiktheater erleben?
Was davon findet wirklich statt?

 

Natürlich ist das Gesamtkunstwerk Oper besonders prädestiniert, große Gefühle und starke Themen zu verhandeln. Und ebenso selbstverständlich geht es für mich dabei nicht um bombastische Auftritte und überwältigende Musik, sondern um das kluge Zusammenspiel musikalischer und szenischer Interpretation, das mich als Zuschauer packt und oft altbekannten Werken neue Facetten entlockt. Das möchte ich gerne im Musiktheater erleben – und dann und wann gelingt es auch.

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Glanz und Krawall,

was möchten Sie gerne im
Musiktheater erleben?
Was davon findet wirklich statt?

 

Diese Frage ist Teil des Problems: Wir kaufen ein Ticket und „möchten erleben“. In unserer über-eventisierten Welt macht man so aus dem (Musik-)Theater eine Aktivität zur Freizeitgestaltung. Es ist aber viel mehr als das. Wir wollen ein Musiktheater, das uns etwas über die Welt erzählt, in der wir leben und über jene, in der wir leben könnten. Das ein absoluter Ausnahmezustand ist, für alle Beteiligten; das uns auch Situationen zeigt, die wir lieber nicht erlebt hätten; und das uns vor allem nicht gleichgültig und abgeklärt bleiben lässt gegenüber dem, was wir sehen.

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Barbara Beyer,

was möchten Sie gerne im
Musiktheater erleben?
Was davon findet wirklich statt?

 

Worum geht es noch: um bessere Inszenierungen? Um eine bessere Welt? Die globalisierte und digitalisierte, aber auch die politische Wirklichkeit sind heute die ganz große Attraktion. Sie punkten täglich mit ihren Sensationen und überholen und überfordern uns und alles in Permanenz. Keine Chance, mit der Kunstgattung Musiktheater da besser zu sein. Oder wie will man dieser Gegenwart mit den überkommenen ästhetischen Mitteln, in dem vorherrschenden repräsentativen Rahmen noch beikommen?

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Oliver Reese,

was möchten Sie gerne im
Musiktheater erleben?
Was davon findet wirklich statt?

 

Das Kraftwerk der Gefühle, von dem Alexander Kluge gesprochen hat.

Eingelöst wird das (zumindest) immer wieder durch große SängerInnen-Persönlichkeiten.‎

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Dirk Lauke,

was möchten Sie gerne im
Musiktheater erleben?
Was davon findet wirklich statt?

 

Wie jede Kunst soll mir Musiktheater natürlich Freude machen! Ob diese Freude nun aus schöner Musik stammt (was auch immer das ist, das „Schöne“) oder einem spannenden, weil innovativen oder kritischen Umgang mit einem Thema entspringt, bleibt bitte Geschmackssache. Mir geht es so, dass ich schwer mit Pathos umgehen kann, sehr schwer. Wenn eine herzzerreißende Handlung auch noch mit herzzerreißender Musik untermalt wird (oder umgekehrt), kriege ich die Krise…

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Thomas Wieck,

was möchten Sie gerne im
Musiktheater erleben?
Was davon findet wirklich statt?

 

Ich fasse die drei Fragen zu einer zusammen: Was wollen Sie mit theatral-musikalischen Darstellungen, traditioneller Art, gemeinhin Oper genannt wie innovativer Formen, gemeinhin Musiktheater genannt, erreichen? Ich will mit keiner Gesellschaft in Dialog treten, vor allem nicht mit „unserer heutigen diversen, hybriden Gesellschaft“, da ich nicht weiß, was das sein soll. Ich bewege mich handelnd und behandelt in einer kapitalistischen Gesellschaft und ich will mit denen kommunizieren …

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Manos Tsangaris,

was möchten Sie gerne im
Musiktheater erleben?
Was davon findet wirklich statt?

 

Kunst.
Also Ereignisse, die ihre eigenen Mittel im Prozess transzendieren.
Das kann sehr unterschiedliche Formen annehmen, unterschiedlich leicht oder schwer zugänglich sein, verschiedene Zonen unserer Existenz und unseres Bewusstseins berühren.Aber es übersteigt in sich etwas von dem, was wir uns überhaupt vorstellen konnten, bevor wir es erlebt haben.

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Lutz Hübner/Sarah Nehmitz,

was möchten Sie gerne im
Musiktheater erleben?
Was davon findet wirklich statt?

 

Musiktheater ist ein Gesamtkunstwerk, das Libretto, der Plot ist nur die Startrampe für ein Erlebnis, welches das Unsagbare, die emotionale Wucht einer Geschichte vermittelt, die Musik formuliert die innere Wahrheit eines Stoffes und kann damit wieder zu (auch politischen) Erkenntnissen führen. Das ist das Ideal und Ideale in der Kunst werden selten erreicht – aber ein guter Näherungswert genügt zuweilen.

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Volker Hagedorn,

was möchten Sie gerne im
Musiktheater erleben?
Was davon findet wirklich statt?

 

Ich erwarte, außer im Einsatz der künstlerischen Ausdrucksmittel, das Gegenteil von Effizienz, eine selbstbewusste Alternative zum derzeit prägenden „Überlebenskampf“, der Menschen zu Egoisten reduziert und „Gewinner“ bestaunen lässt. Ich erhoffe das Ernstnehmen von Nuancen, wie es gute Partituren ermöglichen, das Öffnen anderer Räume, aber auch die Offenlegung und Formung schmerzvoller Realität.

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Bernd Loebe,

was möchten Sie gerne im
Musiktheater erleben?
Was davon findet wirklich statt?

 

Die Faszination der Oper entsteht für mich durch ihre Schönheit, die über den Alltag hinausträgt und ihn gleichzeitig bohrend analytisch durchdringt. Ich mag ja auch das Wort „moralische Anstalt“. Das passt für die Institution Oper, die ihre Besucher sensibler und toleranter macht. Jeder bekommt in einer Aufführung das Gefühl: „Wir sitzen alle in einem Boot.“ So sollte die Oper ein Zentrum in jeder Stadt sein. Sie hat alles, was die Welt im Großen hat. Ich sage immer, die Oper ist im Kleinen, was die Welt im Großen ist, nur haben wir die Chance, …

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Uwe Eric Laufenberg,

was möchten Sie gerne im
Musiktheater erleben?
Was davon findet wirklich statt?

 

Große glaubhafte Gefühle (wie Alexander Kluge gesagt hat: Oper ist das Kraftwerk der Gefühle), glaubbare dramatische Situationen, die mit der Wirklichkeit zu tun haben, die uns das Leben, Verrücktheiten, Abgründe, Menschliches, Tröstendes verstehen lassen, das alles gut gespielt und bitte von großer Musikalität beseelt betörend gesungen. Was davon findet wirklich statt? Findet statt, manchmal mehr, manchmal weniger.

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Sogenannte

Anarchistische Musikwirtschaft,
was möchten Sie gerne im
Musiktheater erleben?
Was davon findet wirklich statt?

 

In der postmodernen Form der Öffentlichkeit herrscht blanker Dualismus. Die Vereinzelung zum Kollektiv verhält sich wie der Twitter Rant zum Gartenzwerg. Final spaltet dieser Zeitgeist die Gemeinschaft vom Individuum, wie ein einzelnes Atom ohne Relation zur Materie. Dabei wird für jede*n 1zelne*n der monotone, verkürzte Minimalismus als gleichförmiges aber klares Happening spürbar. Im Konsum der Euphorie mimt das vermeidlich Notwendige das Reich der Freiheit. In ihm verschmelzen die Idee des Ichs und des Wir. …

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Heiko Voss,

was möchten Sie gerne im
Musiktheater erleben?
Was davon findet wirklich statt?

 

Ich möchte in aller nur möglichen Wucht und Intensität von Musik und Szene emotional mitgerissen werden, dabei aber auch immer wieder Denkanstöße bekommen, um das auf der Bühne verhandelte zu hinterfragen. Ich möchte verschiedene Perspektiven aufgezeigt (zumindest angerissen) bekommen, möchte verschiedene Wahrheiten gezeigt bekommen, möchte aktuelle gesellschaftliche Diskurse einbezogen wissen, wobei die Zeichen auf der Bühne nicht unbedingt selbst aktualisierend sein müssen, sondern die Felder …

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Moritz Eggert,

was möchten Sie gerne im
Musiktheater erleben?
Was davon findet wirklich statt?

 

Was ich erleben möchte: Mut zum Erzählen, Lebensnähe, Emotionen, Überwältigung, Spektakel, Staunen, Magie, Zauber. Ich möchte Tränen der Rührung vergießen, ich möchte lachen, ich möchte weise werden, ich möchte einen Blick in phantastische Welten werfen, die nur auf der Bühne entstehen können. Ich möchte sehen, wie Schweiß vergossen wird und wie Wunder geschehen, weil Menschen alles für diesen einen Moment der Wahrheit auf der Bühne wagen und aufs Spiel setzen.

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KOMMENTARE

THOMAS WIECK.

Dramaturg und Theaterwissenschaftler

Was möchten Sie gerne im Musiktheater erleben? Was davon findet wirklich statt? Sollte sich Oper in dem Maße für soziale Fragen öffnen wie es das Schauspiel tut? Wenn ja, warum und wie? Wie müsste ein zeitgenössisches Musiktheater aussehen, das mit unserer heutigen, diversen, hybriden Gesellschaft in Dialog treten will?

Ich fasse die drei Fragen zu einer zusammen: Was wollen Sie mit theatral-musikalischen Darstellungen, traditioneller Art, gemeinhin Oper genannt wie innovativer Formen, gemeinhin Musiktheater genannt, erreichen?

Ich will mit keiner Gesellschaft in Dialog treten, vor allem nicht mit „unserer heutigen diversen, hybriden Gesellschaft“, da ich nicht weiß, was das sein soll. Ich bewege mich handelnd und behandelt in einer kapitalistischen Gesellschaft und ich will mit denen kommunizieren, die sich an den Strukturen und Verfahrensweisen dieser Gesellschaft stoßen und von ihnen zermahlen werden und sie nicht für die best denkbarste halten, nicht einmal für das kleinere Übel, sondern für ein großes Übel.

Folglich müssten die Musiktheaterproduktionen einen v e r s t ä n d l i c h e n sinnlich erfahrbaren Widerstand lustvoll musikalisch und szenisch produzieren, der die Zuschauer anregt, Lust auf Widerrede zu verspüren und Spaß daran zu gewinnen, dialektisch zu denken, und so es die revolutionäre Muse der Oper will, praktisch–kritisch der Gegenwart entgegenzutreten, Selbstbewusstsein zu entwickeln ohne sich modisch zu geben, weshalb ich eben auch keinen Unterschied in dieser Frage zwischen Opern- und Musiktheater-Produktionen sehe und höre!, solange sie ein erkennbares kritisches SPIEL mit der wirklichen WIRKLICHKEIT treiben!

KOMMENTARE

DIRK LAUCKE.

Dramatiker

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Was möchten Sie gerne im Musiktheater erleben? Was davon findet wirklich statt?

Wie jede Kunst soll mir Musiktheater natürlich Freude machen! Ob diese Freude nun aus schöner Musik stammt (was auch immer das ist, das „Schöne“) oder einem spannenden, weil innovativen oder kritischen Umgang mit einem Thema entspringt, bleibt bitte Geschmackssache. Mir geht es so, dass ich schwer mit Pathos umgehen kann, sehr schwer. Wenn eine herzzerreißende Handlung auch noch mit herzzerreißender Musik untermalt wird (oder umgekehrt), kriege ich die Krise: Einerseits, weil ich mich da sehr schnell bei der Produktion von Gefühlen erwischt fühle, die zugleich eine Abwehr produzieren: Lass dich doch nicht von denen hier einlullen.

Deshalb sind mir modernen Entwicklungen im Musiktheater erstmal sehr recht. Aber auch wenn klassische Opern nach einem Gusto inszeniert werden wie es im Schauspiel schon längst geläufig ist: als Kommentar zur Gegenwart, finde ich deshalb begrüßenswert, weil Theater immer eine aktuelle Kunst ist – genau das unterscheidet es von einer Aufzeichnung. Hinzu kommt, dass auch „Carmen“, um mal ein Beispiel zu nehmen, ihrerzeit in mehrfacher Hinsicht gesellschaftliche Debatten auslöste. Eine heutige Lesart als schönes Kunstwerk aus einer längst überwundenen Epoche widerspricht ganz sicher dem progressiven Anliegen Bizets und der Librettisten.

Also: weg mit den Puffhosen, her mit dem, was uns angeht! Bei näherer Betrachtung stellt sich heraus, dass gute Geschichten, auch in der Oper, ihre überzeitliche Beliebtheit ja vielleicht auch deswegen erlangen, weil die darin erörterten Probleme sich in allen Zeiten wiederfinden. Kurz gefasst (und fast ein bissel pathetisch): Der Kampf des Inidividuums um Würde, Glück oder Selbstentfaltung innerhalb moralischer, ökonomischer oder sozialer Zwänge. Deswegen glaube ich nicht, dass Geschichten und Figuren ausgedient haben. Das Individuum zu verteidigen scheint mir in Zeiten von Rechtspopulismus auf der einen und Sharia auf der anderen Seite nicht gestrig.

Im Gegenteil: Individuen wenden sich gezielt Ideologien zu, in denen sie sich keine eigenen Sinnfragen mehr zu stellen brauchen, oder aber sie werden im Sinne dieser Ideologien zwangsmäßig deindividualisiert. Aus kritischer Sicht könnte man diesem Hochhalten der Person nun entgegnen: Aber dann werden ja die gesellschaftlichen Mechanismen gar nicht aufgezeigt, welche die Individuen bestimmen!

Der Einwand spricht oft gegen das Individuum, betrachtet es das nämlich gern als zerplittert oder mindestens multipel oder ähnliches postmodernes Gedöns, mit dem man umschreibt, dass Menschen sich ihrem Chef gegenüber anders verhalten als ihren Kindern gegenüber. Andererseits könnte es auch sein, dass sich im Eklärungsanspruch noch mehr dogmatischer Marxismus versteckt als man auf die Schnelle denken würde. Ich zweifle, dass Kunst hinreichend aufzeigen/erklären kann – oder soll.

Als mit der Lust und Unlust spielendes Medium entzieht es sich vielfach der reinen Erörterung. Und oft finde ich genau darin die geheime Waffe der Kunst, die das Dramaturgen-Sprech in den Theatern Lügen straft. Am besten ist eine Inszenierung doch oft aus anderen Gründen als der „richtigen“ Auseinandersetzung mit einem Thema. Das Spiel hat ein Wörtchen mitzureden. Und das wird von den Gestaltern desselben ins Leben gerufen – eine Subjektive also.

Her damit! Nicht jedes Projekt mit Laien, „Experten des Alltags“ oder wie die „authentischen“ Akteure sonst genannt werden, ist deshalb gleich gut; es hängt auch weniger vom Erlebten ab, das berichtet wird, sondern viel eher von der Art und Weise, wie dies getan wird. Eine heulende Sängerin oder Schauspieler sind ja schon genug Pathos – welche Pornographie springt einen dann erst bei echten Tränen an! Pathos und Betroffenheit – nein danke. Und trotzdem gefällt mir das „Ehrliche“. Warum? Wie jetzt?

Ich persönlich oute mich jetzt vielleicht mal, weil ich gerne Punkrock gehört habe – und schlimmer noch – immer noch gerne höre. Und genau hier sehe ich schon wieder Schnittmengen mit dem, was zeitgenössische Musik genannt wird. Die schnörkellosen Songs der Band Wire, welche die Konventionen von Songs gerade noch einhielten, haben in ihrer derben, verkürzten Art (die Musik ist dann zuende, wenn der Text vorbei ist) Anstoß für neue Musikrichtungen gaben (Steve Albini, Noise und Hard Core), die „zeitgenössischer Musik“ doch recht nahe kommen!

Elektronische Verzerrung, stumpfe Rhythmen vs. Brüche, sparen wir uns den Reim – das alles sind Dinge, mit denen ich sehr gut leben kann! Musik(-Theater) muss nicht melodiöser Schnick-Schnack sein.

KOMMENTARE

Sollte sich Oper in dem Maße für soziale Fragen öffnen wie es das Schauspiel tut?
Wenn ja, warum und wie?

Äh, tut es das nicht? An der Oper Halle wurde ich angefragt, ein Libretto für die Oper von Sarah Nemtsov zu schreiben, die gegenwärtig fleißig über der Partitur hängt.

Keine Ahnung, was man am Ende noch verstehen wird, aber inszenierender Intendant Florian Lutz und Chefdramaturg Michael von zur Mühlen haben mich bestimmt nicht gefragt, meinen Beitrag zu leisten, weil ich mir einen Namen mit Naturlyrik gemacht habe.

Nein, die beiden haben meinem Eindruck nach das ehrliche Bedürfnis, auch gegenwärtiges Musiktheater deswegen zu fördern und zu spielen, weil es sie interessiert und weil sie die Reibung mit gesellschaftlichen Themen als selbstverständlich betrachten. Ich denke mal, das kann man niemandem vorschreiben oder vorschlagen, aber wenn die Macher eines Musiktheaters zu gesellschaftlichen Fragen ihren Senf dazugeben möchten, wer soll sie daran hindern? Widersprechen ja, und damit wären wir bei einer gesellschaftlichen Debatte angelangt, die das Medium eben nicht in die Mottenkiste für Liebhaber verbannt.

Wie müsste ein zeitgenössisches Musiktheater aussehen, das mit unserer heutigen, diversen, hybriden Gesellschaft in Dialog treten will?

Heutig, divers, hybrid wahrscheinlich? Aber im Ernst. Die Frage unterstellt, dass zeitgenössisches Musiktheater sich außerhalb dieser Gesellschaft befindet und es zunächst einmal mit dieser in den Dialog treten müsste. Wahrscheinlich habe ich keine Ahnung und dem ist so – trotz Subventionen durch Städte, Gemeinden oder Länder?

Allerdings weiß ich aus den bisherigen, zarten und wenigen Berührungspunkten mit dem Musiktheater, dass gerade hier so etwas wie Internationalität in Personalfragen doch sogar eher anzutreffen sein sollte als im deutschen Stadttheater. Schon an der Universität der Künste, wo ich das Fach Szenisches Schreiben studierte, stammten die meisten der Leute mit dem Cello oder einem anderen Musikinstrument auf dem Rücken aus Asien oder Osteuropa. Und auch als SängerIn, habe ich gehört, kann man durchaus in einem deutschen Ensemble engagiert sein, ohne dass deutsche Muttersprachlichkeit eine Vorraussetzung darstellt.

Deswegen glaube ich, dass das Gerede um heutig, divers und hybrid elegant umschifft, was tatsächlich ein Problem sein könnte: Themen und Spielweisen auf den Tisch zu packen, die überall sonst präsent sind. Das Musiktheater hat diesbezüglich noch einen zusätzlichen Vorteil: Dass Leute ihre Texte singen, ist ja schon mal ein fundamental artifizieller Vorgang. (Ob der Sänger nun dicker oder älter ist als die Figurenvorgabe im Libretto, ist deswegen schon mal ebenso nachrangig wie etwa die Farbe der Haut oder vielleicht ja auch das Geschlecht – schließlich zählt die Stimmlage. Sollte man jedenfalls meinen.)

Die Abstraktion vom Realen kann deutlicher nicht sein als im Musiktheater und dennoch sind wir als Zuschauer und -hörer geneigt, uns auf das Spiel einzulassen, das immer einen realen Bezug hat – wir kennen Klänge, Worte, Gesten, Bilder.

Wie bei jedem Spiel geht es aber hoffentlich weniger darum, ob man am Ende als Gewinner („Meine Ansicht wurde bestätigt.“ „Meine Figur hat gewonnen“) oder Verlierer (das Gegenteil ist selber einzufügen) heraus geht, sondern eher darum, wie geschickt das Spiel war.

Wirklichkeitsbezug und politische Relevanz hin oder her.

INGO GÜNTHER.

Musiker und Komponist

Was möchten Sie gerne im Musiktheater erleben? Was davon findet wirklich statt?

Zunächst einmal möchte ich im (Musik-)Theater etwas ERLEBEN! Und dieses „Erleben“ verstehe ich als Gegenpol zum „Konsumieren“ eines bis ins kleinste Teil inszeniertes, kontrolliertes, wiederholbares, schönes, politisch korrektes, intelligentes und so genanntes „Gesamtkunstwerkes“. Ich wünsche mir im Musiktheater vielleicht mehr Mut zur kontrollierten Anarchie, oder zur unkontrollierten Perfektion, welcher im 20. Jahrhundert ja schon viele Kunstformen zur Blüte gebracht hat: Jazz, Fussball, Jackson Pollock, Punk, John Cage, Konrad Bayer,… alles alte Namen, Begriffe. Doch scheint mir dieser Mut verloren gegangen zu sein. Raus aus der mentalen Guckkastenbühne.

Sollte sich Oper in dem Maße für soziale Fragen öffnen wie es das Schauspiel tut? Wenn ja, warum und wie?

Natürlich sollte sich jede Kunstform für soziale Fragen öffnen.

Nur sollte man soziale Fragen nicht nur auf der aktuellen Oberfläche des politischen/medialen Diskurses „öffnen“. Ich denke, dass es nicht unbedingt die Aufgabe der Kunst ist, auf die unmittelbaren soziale, politische Realitäten zu reagieren, sondern vielleicht eine eigene Realität zu schaffen, die unsere aus einem Abstand heraus erst sichtbar macht. Ich finde es falsch, wenn sich das Theater heute zwingend inhaltlich zur Flüchtlingsdebatte verhalten muss. Stattdessen denke ich, dass die „Irritation“ ein besseres Werkzeug zur Erkenntnis ist, als die „Interpretation“ oder „Narration“.

Wie müsste ein zeitgenössisches Musiktheater aussehen, das mit unserer heutigen, diversen, hybriden Gesellschaft in Dialog treten will?

Mut zur Hässlichkeit im Leben, um dann in Schönheit zu sterben.

KOMMENTARE

NICOLA HÜMPEL.

Gründerin des Ensembles „Nico and the Navigators“

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Was möchten Sie gerne im Musiktheater erleben? Was davon findet wirklich statt?

Stimmen im aktuellen Kontext. Einen tatsächlichen Dialog der Gattungen Gesang, Musik, Schauspiel, Tanz, Performance, die eine Resonanz der aktuellen Gesellschaft bilden. Auf klassischen oder modernen Kompositionen basierende Produktionen, die – unabhängig davon wie frei und in welche Richtung sie sich entwickeln – aus dem Geiste der jeweiligen Musik sowie dem der Interpreten erwachsen. Abende, die berühren und dabei kritische sowie politische Gedanken anstoßen.

Das Musiktheater versteht sich häufig als „fortschrittlich“ wenn verschiedenste Gattungen alle irgendwie vorkommen: ein bisschen Installation – ein bisschen Tanz – ein bisschen Text – ein bisschen umhergehende Musiker. Beziehungen dabei häufig unklar oder illustrativ. Man bebildert, vertont oder kommentiert. Auch der Grund für die Wahl der jeweiligen Musik ist dabei oft nicht erkennbar. Um das Musiktheater von der Bühnenmusik klar zu unterscheiden, sollte der Rezipient verstehen dürfen warum z.B. hier oder dort nun ausgerechnet Händel statt Nirvana verwendet wird…

Sollte sich Oper in dem Maße für soziale Fragen öffnen wie es das Schauspiel tut? Wenn ja, warum und wie?

Die hoch subventionierte Oper ist seit ihrer Entstehung eine elitäre Gattung, geprägt von Sängern und Musikern denen eine hohe Kunstfertigkeit und Technik abverlangt wird. Die riesigen Logistikapparate der Opernhäuser sind in ihrer Beweglich­keit stark eingeschränkt.

Aber ja, dennoch müssen wir die Oper im 21. Jahrhundert unbedingt für soziale Fragen öffnen, den Interpreten die Möglichkeiten geben auch klassische Werke ins heute zu holen, Beziehungen zu aktuellen, politischen und gesellschaftlichen Themen darin zu suchen und damit eine breitere Gesellschaft anzusprechen. All dies ist auch möglich, ohne dabei Kompositionen zu missbrauchen, solange die heutigen Interpretationen aus dem Geiste der Musik erwachsen.

Wie müsste ein zeitgenössisches Musiktheater aussehen, das mit unserer heutigen, diversen, hybriden Gesellschaft in Dialog treten will?

Es sollte ein tatsächlicher Dialog zwischen den Gattungen stattfinden und damit Hemmschwellen vor klassischen Werken abbauen. Sänger sollten weiterhin von ihren Manierismen und Künstlichkeiten befreit werden und zeigen dürfen, dass auch sie nahbare Persönlichkeiten sein können, die etwas Relevantes zu sagen haben.

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BARBARA BEYER.

Opernregisseurin und Leiterin der Opernklasse der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber

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Was möchten Sie gerne im Musiktheater erleben? Was davon findet wirklich statt?
Worum geht es noch: um bessere Inszenierungen? Um eine bessere Welt? Die globalisierte und digitalisierte, aber auch die politische Wirklichkeit sind heute die ganz große Attraktion. Sie punkten täglich mit ihren Sensationen und überholen und überfordern uns und alles in Permanenz. Keine Chance, mit der Kunstgattung Musiktheater da besser zu sein. Oder wie will man dieser Gegenwart mit den überkommenen ästhetischen Mitteln, in dem vorherrschenden repräsentativen Rahmen noch beikommen?

Sollte sich Oper in dem Maße für soziale Fragen öffnen wie es das Schauspiel tut? Wenn ja, warum und wie?
Ich mache entweder Kunst und/oder engagiere mich sozial.

Wie müsste ein zeitgenössisches Musiktheater aussehen, das mit unserer heutigen, diversen, hybriden Gesellschaft in Dialog treten will?
Einbruch der Wirklichkeit in die Kunst

Teilhabe des Publikums

Aufführung als totales Ereignis

oder einfach in Schönheit sterben

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PATRICK WENGENROTH.

Regisseur/Performer und Leiter des Brechtfestivals Augsburg 2017*

Was möchten Sie gerne im Musiktheater erleben? Was davon findet wirklich statt?

Wann immer ich in eine Theaterveranstaltung gehe, möchte ich gern einen Zugriff auf den mir dargebotenen Stoff sehen, der eine Reibung mit unserer aktuellen Lebensrealität intendiert. Nichts ist schlimmer – und das passiert im Musiktheater allzu oft –, als einer Musealisierung der klassischen Stoffe beizuwohnen. Ich wünsche mir da mehr Mut im Fragmentieren und Dekonstruieren des vorhandenen Materials. Beim zeitgenössischen Musiktheater sehe ich des Öfteren gute Aufbruchstendenzen und –impulse, die vor allem bei freien Theaterproduktion zu beobachten sind. Insofern bin ich der Auffassung, dass dieser Bereich des freien zeitgenössischen Musiktheaters durchaus mehr Beachtung und Förderung durch öffentliche Gelder verdient hat. Im besten Falle würden dann auch städtische und staatliche Theater und Opernhäuser mehr Mut entwickeln, diesen Formaten in ihren Spielplänen einen höheren Stellenwert einzuräumen.

Sollte sich Oper in dem Maße für soziale Fragen öffnen wie es das Schauspiel tut? Wenn ja, warum und wie?

Ich habe auch im Schauspiel leider sehr oft das Gefühl, dass das vermeintliche behandeln sozialer Fragen nur dem Wunsch der Dramaturgen _innen/Intendanten_innen entstammt, ihren Häuser den Nimbus zu geben, an der „Realität dran zu sein“. Ich halte dies mit Verlaub oft für eine eher leere Geste der Schein-Aktualität. Insofern würde ich mir da eine fundiertere Auseinandersetzung/Themensetzung bei der Programmierung wünschen. Zudem erachte ich es für notwendig, soziale Fragen nicht nur durch die Inhalte der ausgewählten Stoffe zu reflektieren, sondern die Herausforderungen der Gegenwart müssen auch in veränderten Produktionsstrukturen und Hierarchien innerhalb der Produktionskollektive und Produktionshäuser sichtbar werden.

Wie müsste ein zeitgenössisches Musiktheater aussehen, das mit unserer heutigen, diversen, hybriden Gesellschaft in Dialog treten will?

Ich knüpfe hier an meine erste Antwort an: Ich wünsche vor mir allem einen spielerischen und assoziativen Umgang mit dem Material. Ich denke, da kann das Musiktheater – und ich weiß schon, dass da jetzt viele mit den Augen rollen werden – sich noch mehr an den Anfängen beispielsweise der DJ-Culture orientieren.

Ein Neu- oder Umorganisieren des vorhandenen Materials bedeutet keineswegs zwangsläufig eine Respektlosigkeit, sondern kann auch dienlich sein, zu erkennen, was für Potentiale in den „Klassikern“ schlummern. Auch die Versuche, Opernstoffe mit performativen Interventionen zu durchsetzen oder für einzelne Partien Schauspieler/Performer einzubinden oder hier und da eine zusätzliche narrative Ebene einzuziehen, erachte ich als positive Entwicklungen. Zudem sollte weiterhin bei Sängern an den schauspielerischen Fähigkeiten gearbeitet werden. Eine große Freude wäre für mich, wenn es – in klarer Abgrenzung zum Musical – eine Wiederbelebung des Genres der Operette geben würde.

*Foto: Can Mileva Rastovic

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DIETMAR SCHWARZ.

Intendant der Deutschen Oper Berlin*

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Was möchten Sie gerne im Musiktheater erleben? Was davon findet wirklich statt?

Natürlich ist das Gesamtkunstwerk Oper besonders prädestiniert, große Gefühle und starke Themen zu verhandeln. Und ebenso selbstverständlich geht es für mich dabei nicht um bombastische Auftritte und überwältigende Musik, sondern um das kluge Zusammenspiel musikalischer und szenischer Interpretation, das mich als Zuschauer packt und oft altbekannten Werken neue Facetten entlockt. Das möchte ich gerne im Musiktheater erleben – und dann und wann gelingt es auch.

Sollte sich Oper in dem Maße für soziale Fragen öffnen wie es das Schauspiel tut? Wenn ja, warum und wie?

Oper hat sich immer politischen, menschlichen und sozialen Fragen gestellt: von Verdis „Macbeth“ bis zu Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“, von Meyerbeers „Hugenotten“ bis zu Bergs „Wozzeck“. Die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen. Was Oper aufgrund der Komplexität ihrer Ästhetik weniger gut als Schauspiel kann, ist tagesaktuell auf politische Ereignisse oder soziale Themen zu reagieren. Oper in ihrer traditionellen Form bleibt da abstrakter und überlässt den Bedeutungstransfer dem Imaginationsvermögen des Zuschauers, wobei die szenische Interpretation kluge Weichen stellen kann.

Wie müsste ein zeitgenössisches Musiktheater aussehen, das mit unserer heutigen, diversen, hybriden Gesellschaft in Dialog treten will?

Einer diversen Gesellschaft kann man nur mit einem Angebot begegnen, das eine Vielfalt von Annäherungsweisen an Oper bietet. Das setzen wir auf unserer großen Bühne um, indem wir Regisseuren wie Benedikt von Peter und Rodrigo Garcia die Möglichkeit geben, Werke des Repertoires völlig neu zu denken. Wir setzen diese Vielfalt aber auch bei unserer Reihe von Uraufführungen um: Komponisten wie Georg Friedrich Haas, Andrea Scartazzini und Aribert Reimann haben nicht nur ganz unterschiedliche musikalische Sprachen, sie gehören auch unterschiedlichen Generationen an und haben jeder einen ganz eigenen Blick auf die Welt.
In unserer Spielstätte „Tischlerei“ experimentieren wir mit jeder neuen Produktion an zeitgenössischen Formen des Musiktheaters. Da die Bühne einen Raum für Uraufführungen stellt, bei denen Musiker ganz unterschiedlicher Stilrichtungen aufeinandertreffen und Zusammenarbeiten zwischen unterschiedlichen Genres entstehen, kann ich diese Frage ganz sicher nicht normativ beantworten. Wir haben erlebt, dass ein Musiker wie Matthew Herbert dort mit Zuschauern und Gästen neue Sounds entwickelt, dass die Rockband „The Bianca Story“ mit Jugendlichen ihre „Gilgamesh“-Geschichte erzählt und dass junge Autoren in Zusammenarbeit mit Komponisten neue Werke schreiben.

Und gerade jetzt erarbeiten die Musiker der Band „Brandt Brauer Frick“ zusammen mit der Voguing-Queen Amber Vineyard, dem britischen „Boy Hero“ Alexander Geist und klassisch ausgebildeten Sängern einen Abend über das Modebiz und Gender Diversität – ich habe also sozusagen das Labor für zeitgenössisches Musiktheater wenige Schritte von meinem Büro entfernt. Aber deshalb kann ich Ihnen vielleicht nur umso schwerer sagen, wie es wirklich aussehen „müsste“ – wir arbeiten dran.

Foto: Peter Badge

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OLIVER REESE.

Intendant des Schauspiel Frankfurt*

Was möchten Sie gerne im Musiktheater erleben? Was davon findet wirklich statt?

Das Kraftwerk der Gefühle, von dem Alexander Kluge gesprochen hat. Eingelöst wird das (zumindest) immer wieder durch große SängerInnen-Persönlichkeiten.‎

Sollte sich Oper in dem Maße für soziale Fragen öffnen wie es das Schauspiel tut? Wenn ja, warum und wie?

Aber ja. Oper wie Schauspiel sind ja öffentliche Orte der Begegnung, sich die Frage zu stellen, was man jenseits von guten Aufführungen bewegen kann, wird gewiss das eigene Bewusstsein für die Notwendigkeit (oder auch das Gegenteil) eines Stoffes schärfen. Die Theater spüren doch auch, wie gut ihnen die Öffnung in jeder Hinsicht tut.

Wie müsste ein zeitgenössisches Musiktheater aussehen, das mit unserer heutigen, diversen, hybriden Gesellschaft in Dialog treten will?‎

Der Vorrang des Musikalischen vor der Szene könnte versuchsweise zurücktreten. Und die Versuche zunehmen, die Werke, ähnlich wie im Schauspiel, mit mehr Mut? zu bearbeiten, Interventionen oder Eingriffe zu erproben, die heute noch unmöglich erscheinen.

*Foto: Birgit Hupfeld

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GLANZ UND KRAWALL.

Freies Berliner Musiktheaterkollektiv

was möchten Sie gerne im Musiktheater erleben? Was davon findet wirklich statt?

Diese Frage ist Teil des Problems: Wir kaufen ein Ticket und „möchten erleben“. In unserer über-eventisierten Welt macht man so aus dem (Musik-)Theater eine Aktivität zur Freizeitgestaltung. Es ist aber viel mehr als das. Wir wollen ein Musiktheater, das uns etwas über die Welt erzählt, in der wir leben und über jene, in der wir leben könnten. Das ein absoluter Ausnahmezustand ist, für alle Beteiligten; das uns auch Situationen zeigt, die wir lieber nicht erlebt hätten; und das uns vor allem nicht gleichgültig und abgeklärt bleiben lässt gegenüber dem, was wir sehen.

Sollte sich Oper in dem Maße für soziale Fragen öffnen wie es das Schauspiel tut? Wenn ja, warum und wie?

Obwohl wir nur mutmaßen können, was mit „soziale Fragen“ konkret gemeint sein soll: Wenn sich die Oper dauerhaft gesellschaftlich relevanten Themen verweigert, sägt sie damit fleißig an dem Ast, auf dem sie selbst sitzt. Die Funktion, musikalische Klassiker zu bewahren, erfüllen schließlich bereits Konzerthäuser.

Wie müsste ein zeitgenössisches Musiktheater aussehen, das mit unserer heutigen, diversen, hybriden Gesellschaft in Dialog treten will?‎

Ein Musiktheater der Gegenwart kann nur in einen – wie auch immer gearteten – Dialog mit der Gesellschaft treten, wenn es das wirklich will. Wenn es sich traut, etwas zu verhandeln, Geschichten zu erzählen, Opernstoffe abzutasten, einen neuen Kanon zu schaffen.
Das Musiktheater der Gegenwart nagelt den Guckkasten zu, es schmeißt die Plüschsessel und Pausenhäppchen raus. Es behauptet nicht.
Die Sänger werden von der Leine gelassen, die musikalischen Leiter sind mutig, ein Chor darf auftreten (muss aber nicht), ein Orchester spielt (muss aber nicht) – manchmal spielt auch das Kofferradio. Oder die Kantinenlady. Auch hin und wieder Schauspieler. Oder Bands.
Das zeitgenössische Musiktheater darf unterhalten, faszinieren, weh tun, Aufsehen erregen. Neben den Abonnenten strömen Scharen junger Leute hinein. Keiner geht mehr ins Berghain oder ins Kater Blau. Alle sind in diesem Magieschuppen Musiktheater.

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SARAH NEHMITZ/LUTZ HÜBNER.

Dramatiker*

Was möchten Sie gerne im Musiktheater erleben? Was davon findet wirklich statt?

Sollte sich Oper in dem Maße für soziale Fragen öffnen wie es das Schauspiel tut? Wenn ja, warum und wie?

Wie müsste ein zeitgenössisches Musiktheater aussehen, das mit unserer heutigen, diversen, hybriden Gesellschaft in Dialog treten will?
Musiktheater ist ein Gesamtkunstwerk, das Libretto, der Plot ist nur die Startrampe für ein Erlebnis, welches das Unsagbare, die emotionale Wucht einer Geschichte vermittelt, die Musik formuliert die innere Wahrheit eines Stoffes und kann damit wieder zu (auch politischen) Erkenntnissen führen. Das ist das Ideal und Ideale in der Kunst werden selten erreicht – aber ein guter Näherungswert genügt zuweilen.

Gutes Sprechtheater spricht den Intellekt an, schärft die Sinne und zwingt den Zuschauer, Stellung zu beziehen, eine gute Geschichte im Sprechtheater ist immer dialektisch.
Oper ist eher der Ort für existentielle Fragen, welche natürlich oft an soziale Fragen gekoppelt sind. Sie kann soziale Auswirkungen thematisieren, die Conditio humana, aber sie kann keine politischen Thesen diskutieren, das landet entweder im Agitprop oder in Vereinfachungen á la ‚Krieg ist böse‘ oder ‚der Kapitalismus ist menschenfeindlich‘…

Ein zeitgenössisches Musiktheater sollte nicht zeitgenössisch sein, sondern sich immer seiner Kernkompetenz vergewissern: Es ist ein artifizielles Genre, das nicht Wirklichkeit abbildet, sondern innere Wahrheiten. Es kann Räume öffnen, die etwas wiedererkennbar machen, von dem man vorher nicht wusste, dass man es in sich trägt. Musiktheater ist exterritorial und damit offen für jeden, der sich darauf einlässt.

*Foto: Mathias Horn

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VOLKER HAGEDORN.

Journalist und Musiker*

Was möchten Sie gerne im Musiktheater erleben? Was davon findet wirklich statt?

Ich erwarte, außer im Einsatz der künstlerischen Ausdrucksmittel, das Gegenteil von Effizienz, eine selbstbewusste Alternative zum derzeit prägenden „Überlebenskampf“, der Menschen zu Egoisten reduziert und „Gewinner“ bestaunen lässt. Ich erhoffe das Ernstnehmen von Nuancen, wie es gute Partituren ermöglichen, das Öffnen anderer Räume, aber auch die Offenlegung und Formung schmerzvoller Realität. Jüngere Beispiele fürs Letztere: Steve Reichs Video Opera „WTC 9/11“, Johan Simons´ “Accattone“. Ansonsten: Man wird schon mal fündig, stößt aber auf Betriebshindernisse. Eine auf Stars ausgerichtete Oper ist eine Oper der Gewinner, Wagemut kleinerer Bühnen wird von größeren Medien weitgehend ignoriert, und im Theateralltag erlebt man oft Orchester und Dirigenten, denen das Potential ihrer Kunst und ihrer Besucher nicht viel bedeutet.

Sollte sich Oper in dem Maße für soziale Fragen öffnen wie es das Schauspiel tut? Wenn ja, warum und wie?

Diese Fragen sind eine Basis allen Theaters. Es kommt nur darauf an, sie nicht zu überspielen. Beispiel „Figaros Hochzeit“: Es gibt keine „sozialere“ Oper, was die Hinterfragung von „oben“ und „unten“ betrifft. Hier ist auch musikalisch ein Teil der Entwicklung unserer Gesellschaft gespeichert durch eine psychologische Nähe, die kein anderes Medium kennt. Darum findet (nicht nur) hier eine „Feindbildstörung“ statt: Die Musik geht empathisch auch mit dem Grafen um. Man spürt, dass auch in einem reichen Schwein ein armes steckt. Für mich ist Oper aktuell genug (auch im Sinn „sozialer Fragen“), wenn hellwache Zeitgenossen von Mozart bis Neuwirth sie komponieren und inszenieren, wie poetisch oder politisch auch immer. Ein Thema wie Migration wird entwertet, wenn es auf der Bühne als Reflex auf unausgesprochenen Rechtfertigungsdruck erkennbar wird.

Wie müsste ein zeitgenössisches Musiktheater aussehen, das mit unserer heutigen, diversen, hybriden Gesellschaft in Dialog treten will?

Ein dialogfähiges Musiktheater existiert bereits, aber kein Dialog. Der hybriden Gesellschaft, der diese hybride und multinational besetzte Kunstform weit voraus ist, ist Oper mehrheitlich kaum bekannt, also egal. Vermittlung kann viel weiter gehen als jetzt, mit Schülern in Proben und mit stadtbezogenen Projekten, und ein wachsend wichtiges Alleinstellungsmerkmal betonen: Auf der Bühne das Analoge, Unmittelbare, Unwiederholbare, im Publikum das nichtvirtuelle Zusammensein von Individuen ohne den Zwang des Kollektivwerdens. Wie gesagt: das Gegenteil von Effizienz.

*Foto: Samantha Franson

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Bernd Loebe.

Intendant der Oper Frankfurt und Vorsitzender der Deutschen Opernkonferenz

Was möchten Sie gerne im Musiktheater erleben? Was davon findet wirklich statt?

Die Faszination der Oper entsteht für mich durch ihre Schönheit, die über den Alltag hinausträgt und ihn gleichzeitig bohrend analytisch durchdringt. Ich mag ja auch das Wort „moralische Anstalt“. Das passt für die Institution Oper, die ihre Besucher sensibler und toleranter macht. Jeder bekommt in einer Aufführung das Gefühl: „Wir sitzen alle in einem Boot.“ So sollte die Oper ein Zentrum in jeder Stadt sein. Sie hat alles, was die Welt im Großen hat. Ich sage immer, die Oper ist im Kleinen, was die Welt im Großen ist, nur haben wir die Chance, weil es kleiner ist, sie besser zu managen als viele Politiker.
Es ist ja nicht so, dass wir nur stur unsere Abendveranstaltungen abziehen, sondern wir gehen inzwischen in die Schulen und übernehmen die Aufgaben, die ansonsten völlig brach liegen. Wir bilden junge Musiker aus, nicht nur in Stoffen, sondern auch in Konzepten, in Lebensentwürfen, in Möglichkeiten, dieses Leben zu bewältigen, vielleicht auch eine gute Kritikfähigkeit an dieser Gesellschaft zu entwickeln, und nicht zu vergessen auch emotional. Und das ist halt das Wunderbare, dass die Musik mit der menschlichen Stimme hinzukommt, und mit dieser zweiten Dimension eine weitere, durchaus realitätsnahe Ebene erschlossen wird. Sie hat natürlich auch etwas Irrationales, aber braucht der Mensch das nicht?

Sollte sich Oper in dem Maße für soziale Fragen öffnen wie es das Schauspiel tut? Wenn ja, warum und wie?

Auch wenn unser zeitgenössisches Opernrepertoire mit aktuellen gesellschaftlichen Akzenten in den letzten Jahren immer reicher und erfolgreicher wurde, gibt es wesentlich mehr neue Theaterstücke, die den Nerv der Zeit treffen.
Wir haben aber das Glück in der Oper, dass die Meisterwerke des „alten“ Repertoires sehr verschieden interpretierbar sind und verantwortungsvolle Auseinandersetzungen mit den aktuellen gesellschaftspolitischen Themen ermöglichen oder sogar herausfordern. Das Musiktheater hat viele spezifische Möglichkeiten in diese Stücke hineinzugehen und sie zu analysieren. Das heißt, es gibt einen großen Interpretationsspielraum und gleichzeitig, vielleicht auch durch die Musik, vielleicht auch eine größere, im positiven Sinne gemeint, Werktreue. Die Sprechtheater und Musiktheatermacher sollten sich aber nie auseinanderdividieren lassen, zumal sehr viel Schauspielregisseure Oper machen, und wenn sie eine Oper gemacht haben, am liebsten nur noch Oper machen möchten.

Wie müsste ein zeitgenössisches Musiktheater aussehen, das mit unserer heutigen, diversen, hybriden Gesellschaft in Dialog treten will?

Das Theater gewinnt für die Menschen an Bedeutung, wenn es auf Dinge reagiert, die tatsächlich passieren, und als Ort des gemeinsamen Erlebens bereit steht. Vor einem knappen Jahr, nach den Anschlägen von Paris haben wir gedacht, dass sich die Leute erst einmal verkriechen. Aber das Theater, Schauspiel und Oper, waren an jedem Abend voll. Das Bedürfnis, sich in einer so gefährdeten Zeit zusammenzutun, stärkt das (Musik-)Theater und das ist vielleicht eine Stärke unseres Publikums.

Wir sollten jeden an die Hand nehmen, den wir erreichen, denn wir können noch etwas von einer Hoffnung, einer Utopie zeigen.

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HEIKO VOSS.

Dramaturg Theater Freiburg

Was möchten Sie gerne im Musiktheater erleben? Was davon findet wirklich statt?

Ich möchte in aller nur möglichen Wucht und Intensität von Musik und Szene emotional mitgerissen werden, dabei aber auch immer wieder Denkanstöße bekommen, um das auf der Bühne verhandelte zu hinterfragen. Ich möchte verschiedene Perspektiven aufgezeigt (zumindest angerissen) bekommen, möchte verschiedene Wahrheiten gezeigt bekommen, möchte aktuelle gesellschaftliche Diskurse einbezogen wissen, wobei die Zeichen auf der Bühne nicht unbedingt selbst aktualisierend sein müssen, sondern die Felder lediglich aufmachen müssen. Wenn sich das Sensitive, für das die Oper als solche steht, mit dem Intellektuellen vermengt, sodass im Idealfall der rein Genießende, der alles Denken ausblenden möchte, ebenso auf seine Kosten kommt wie derjenige, der sich gerne diskursiv, gedanklich auseinandersetzt –wenn das gelingt, ist ein Kunstwerk besonderer Prägung entstanden, dessen Ebenen sich im Aufführungserlebnis gegenseitig bereichern und potenzieren. Das sich dieses Erlebnis immer wieder (zumindest ansatzweise) herstellt, dafür liebe ich das Musiktheater. Die Momente solchen Glücks sind zugegebenermaßen rar gesät, aber es gibt sie – und sie sollten immer den höchsten Anspruch bei jeder neuen Auseinandersetzung bilden.

Sollte sich Oper in dem Maße für soziale Fragen öffnen wie es das Schauspiel tut? Wenn ja, warum und wie?

Die Oper muss genauso am Puls der Zeit sein wie jede andere Kunstform, sonst ist sie zum Sterben verurteilt. Allerdings kann das jede Kunstform nur mit den ihr eigenen, genuinen Mitteln leisten. Verrät sie diese Mittel, stirbt sie ebenso. Sie degradiert sich selbst und entfaltet nicht annähernd die Kraft, die in ihr steckt. Deshalb: Ja, die Oper muss sich sozialen Fragen stellen, aber mit ihren Mitteln. Sozialen Fragen öffnen muss sie sich nicht, denn sie tut das bereits seit Anbeginn ihres Bestehens. Seit ihren Anfängen steht die Oper aber auch für Künstlichkeit, steht für das Gegenteil von Realismus. Und sie benötigt ein höchstes Maß an Kunstfertigkeit und an Professionalisierung, um diese Stärke zu entfalten. Ob die sozialen Fragen auf der Opernbühne daher von den Betroffenen selbst verhandelt werden müssen, wie es beispielsweise die Bürgerbühnen des Schauspiels tun, wage ich zu bezweifeln. Vielmehr glaube ich, dass die Oper ihren Anteil auf ihre Weise beitragen kann und muss: Indem sie die Themen abstrakter fasst, indem sie archetypische Muster durchspielt, indem sie uns Schicksale hinwirft, in dem sie uns überwältigt und indem sie uns wütend macht und zum Handeln oder zum Nachdenken anregt. Und nicht zuletzt: indem sie uns zum Weinen bringt. Die Oper ist einer der wenigen Orte, an dem überhaupt noch ein kollektives Empfinden möglich ist – ein Empfinden, das verbindet und das neue Energien freisetzen kann.

Wie müsste ein zeitgenössisches Musiktheater aussehen, das mit unserer heutigen, diversen, hybriden Gesellschaft in Dialog treten will?

Das Musiktheater tritt mit der Gesellschaft in Dialog, sobald es sich mit deren aktuellen, dringlichen Themen auseinandersetzt. Wenn sich der Zuschauer zurücklehnt und sich gedankenlos der kulinarischen Seite hingibt, hat das zeitgenössische Theater verloren. Es muss die Menschen in ihren ureigenen Anliegen treffen, berühren, aufschrecken. Die Diversität unserer Gesellschaft gibt vor, dass es nicht leicht ist, alle zu erreichen. Insofern müssen sich die Spielpläne auch des Musiktheater an dieser Diversität ausrichten: Die populären Inter-Worte (interkulturell etc.) zeigen, dass man auf die Nahtstellen des Zusammentreffens zielen sollte. Die Verbindungen prüfen, die gegenseitigen Ansichten hinterfragen, die Vorurteile ausstellen etc. Eine weitere, gegenläufige Zielrichtung muss das Erforschen des eigenen Selbst sein, das Überprüfen des eigenen Standpunktes, der eigene Meinungen und das Abtasten der eigenen Verletzungen. Es gibt viele Werke, die wir danach befragen können, es müssen aber auch unbedingt fortwährend neue Werke entstehen, die sich aus einer anderen Perspektive mit diesen Themen befassen. Die Musiktheater haben geradezu die Verpflichtung, Werke in Auftrag zu geben bzw. Werke zur Uraufführung anzunehmen, um das Publikum mit der zeitgenössischen Sicht der Künstler zu konfrontieren. Die alten Werke dürfen dabei genauso wenig als sakrosankt betrachtet werden, wie die neuen Werke verschmäht. Und am wichtigsten: Auch die Regieteams sind Künstler, die das vorhandene Material in ihrem Sinne formen können, um der vielschichtigen Perspektive unserer Gesellschaft gerecht zu werden. Deshalb müssen Experimente nicht nur erlaubt, sondern gefordert sein: zwischen den Kulturen, zwischen den Sparten, zwischen den Gattungen, zwischen den Stilebenen! Auch wenn sicherlich nicht jedes Vorhaben gelingen wird: Nur so können wir in Kontakt treten und uns zueinander in Beziehung setzen.

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UWE ERIC LAUFENBERG.

Regisseur

Was möchten Sie gerne im Musiktheater erleben? Was davon findet wirklich statt?

Große glaubhafte Gefühle (wie Alexander Kluge gesagt hat: Oper ist das Kraftwerk der Gefühle), glaubbare dramatische Situationen, die mit der Wirklichkeit zu tun haben, die uns das Leben, Verrücktheiten, Abgründe, Menschliches, Tröstendes verstehen lassen, das alles gut gespielt und bitte von großer Musikalität beseelt betörend gesungen. Was davon findet wirklich statt? Findet statt, manchmal mehr, manchmal weniger.

Sollte sich Oper in dem Maße für soziale Fragen öffnen wie es das Schauspiel tut? Wenn ja, warum und wie?

Das habe ich leider wohl verpasst, dass das Schauspiel sich für soziale Fragen öffnet. Die momentane Mode des deutschsprachigen Theaters in seiner Postdramatik, Dekonstruktion und Ichverliebtheit der Regisseure (der Regisseur ist der Autor!) streift die realen Fragen, so auch die sozialen, eher weniger.

Wie müsste ein zeitgenössisches Musiktheater aussehen, das mit unserer heutigen, diversen, hybriden Gesellschaft in Dialog treten will?

Es müsste neue Kompositionen zulassen, und die Kompositionen müssten von dem Fluch der Moderne befreit werden und sich ausdrücken dürfen, wie sie es tief innen empfinden. Mozart, Verdi, Strauss, Puccini und Janáček wollten nicht modern sein, sondern nur in ihrer Zeit wahrnehmbare und gültige Musik schreiben.

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SOGENANNTE ANARCHISTISCHE MUSIKWIRTSCHAFT.

Berliner Eingreiforchester*

In Schönheit sterben. Drei Fragen zur Oper

In der postmodernen Form der Öffentlichkeit herrscht blanker Dualismus. Die Vereinzelung zum Kollektiv verhält sich wie der Twitter Rant zum Gartenzwerg. Final spaltet dieser Zeitgeist die Gemeinschaft vom Individuum, wie ein einzelnes Atom ohne Relation zur Materie. Dabei wird für jede*n 1zelne*n der monotone, verkürzte Minimalismus als gleichförmiges aber klares Happening spürbar. Im Konsum der Euphorie mimt das vermeidlich Notwendige das Reich der Freiheit. In ihm verschmelzen die Idee des Ichs und des Wir. Die neue diverse Gesellschaft zeichnet sich so in ihrem Zusammenhalt nur durch das gemeinschaftliche Verspüren, aber nicht durch das Spüren aus. Im Grunde unterscheidet sie sich so aber kein bisschen von der humanistischen Gesellschaft, jenem Vereins des sich selbst beweih-räuchernden Bourgeois und seiner Oper.

Was möchten Sie gerne im Musiktheater erleben? Was davon findet wirklich statt?

Die Metamorphose. Und diese ist absolut möglich. Ich erinnere mich an eine grandiose Inszenierung der Heiligen Johanna, welche nicht nur durch das junge Ensemble der Schaubühne, sondern auch durch den unverkrampften und kreativen Einsatz des DJs lebte. Francois Villons Lebensbeichte (am liebsten noch immer vom grandiosen Alfons Kujat) ist nur musikalisch begleitet authentisch. Das rechtens verstümmelte Werk Wagners kann nur über die Volksbühne zu neuer Energie und Relevanz finden, vor allem musikalisch. Spam! vom Potsdamer Uniater muss als Beispiel für kleine kreative Projekte dazukommen. Das davon findet wirklich statt!

Sollte sich Oper in dem Maße für soziale Fragen öffnen wie es das Schauspiel tut? Wenn ja, warum und wie?

Nein, das kann sie gar nicht. Die Oper als historisches Produkt ist dazu gänzlich ungeeignet. Die sich am besten verkaufenden Werke, welche den waghalsigen Spagat zwischen kritischem Kommentar und Selbstbeweihräucherung der Gönner*Innen schafften, (Carmen, Tosca, 3Groschen…) verkommen doch – völlig zurecht – zur Folklore des Bildungs-bürgertums, oder zumindest derer, die sich dafür halten.

Wie müsste ein zeitgenössisches Musiktheater aussehen, das mit unserer heutigen, diversen, hybriden Gesellschaft in Dialog treten will?

Die Tendenz der Zeit ist die digitale Zerschlagung der Menschheit in ihre Einzelteile. Jene bringt mit sich vieles, vor allem aber den dialektischen Widerspruch zwischen Anpassungsdruck oberflächlicher Gefälligkeit (was wir z.B. im Titel „sei nicht du selbst“ thematisieren) und völliger Freiheit, losgelöst von Scham des gesellschaftlichen Zwangsverhaltens, wie Moral und Etikette (oder eben Netiquette). Das Fehlen des spießbürgerlichen „aber das sagt man doch nicht“ führt zur neuen Zusammenrottung über digitale Kanäle. Was für erotische Sonderwünsche gilt, kontrolliertes gemeinsames Verstecktsein, kann auch für Menschenhass gelten. Endlich darf frei gehasst werden, endlich darf das Individuum in der „Hybris“ der Gesellschaft aufgehen. Es gibt keine hybride Gesellschaft, es gibt nur Gesellschaft und Individuum. Der Zwiespalt allein reicht um weiterhin unzählige Dialoge auf die Bühne zu bringen. Diesem Zeitgeist folgend könnte Theater Musik benutzen, als Kommentar, als Vehikel. Die unendlichen Ebenen der Musik müssen dazu soweit wie nötig aufgebrochen und ausgeschöpft werden, gleichsam des relativistischen Verwischens jeder Fixpunkte. Die Oper mit ihren schönen Kostümen und ihrem schönen Publikum taugt dazu nicht. Der Zweifel muss in Musik aufgehen und wieder untergehen. Eine solche Synthese kann so vielleicht nur sie vollbringen. Aufgabe des zeitgenössischen Musiktheaters muss das Wunder sein. Aber bitte: Lasst es uns dazu einfach nicht Oper nennen, sondern nur noch Theater das mit Musik so respektvoll umgeht, wie es notwendig ist. Im Zweifelsfalle kann Sophie Rois besser singen als die Netrebko! Sebastian Herrmann

*Foto: Sanny Wildemann

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MANOS TSANGARIS.

Komponist, Perkussionist, Installationskünstler und gemeinsam mit Daniel Ott künstlerischer Leiter der Münchener Biennale für Neues Musiktheater

Was möchten Sie gerne im Musiktheater erleben? Was davon findet wirklich statt?

Kunst.
Also Ereignisse, die ihre eigenen Mittel im Prozess transzendieren.
Das kann sehr unterschiedliche Formen annehmen, unterschiedlich leicht oder schwer zugänglich sein, verschiedene Zonen unserer Existenz und unseres Bewusstseins berühren.
Aber es übersteigt in sich etwas von dem, was wir uns überhaupt vorstellen konnten, bevor wir es erlebt haben.
Und danach, dem hinzu, entsteht Sehnsucht, es noch einmal, immer noch einmal anders und immer wieder, wieder immer zu erleben.

Sollte sich Oper in dem Maße für soziale Fragen öffnen wie es das Schauspiel tut? Wenn ja, warum und wie?

In dem Maße, wie das Schauspiel es tut, dürfte es schwierig sein. Wie wollen wir das genau messen? Anhand der Themen, die verhandelt werden? Das wäre so eine Denke des Inhaltlichen, die sich nicht wirklich halten lässt. Inhalt muss sein, was das Kunstwerk innen zusammenhält. Und erst recht, wenn es prozessual sich verändernd und durchlässig angelegt ist, muss der Inhalt des Werkes das sein, was es innen zusammenhält. Und im Musiktheater ist der „Ort der Verhandlung“ oft an anderer Stelle positioniert als im Schauspiel, musikalisch angetrieben, aus einer anderen Art kompositorischen Denkens hervorgehend, als es die Wörter vornehmlich leisten können.
Der Glutkern des Geschehens liegt oft in der Zusammenkunft aller musikalisch komponierten Mittel (das meint auch: den Raum, Texte, die inszenatorischen Mittel, spezielle Dramaturgie etc.). Der Treibstoff ist aus musikalischem Denken (Fühlen!).
Und was ist genau mit sozialen Fragen gemeint?
Klar, eben Fragen des sozialen Lebens, Probleme, die gesellschaftlich auf der Hand liegen, klar, das ist gemeint.
Aber für uns alle sind die Fragen der Gestaltung der ästhetischen Benutzeroberfläche unserer Gesellschaft genauso brennend, sie hängen direkt damit zusammen, denn daran hängt der ganze mistige Manipulationsapparat.
Was ist wahr, was ist halbwahr und umformuliert, was ist gelogen, wo wird gezerrt und gedreht an allem, an uns, an unseren Sinnen, am Besinnen, am Verstand?! Was lässt sich denn noch verstehen?
Wie kann ich noch meinen Sinnen trauen, wenn alles hier schreit, HIER schreit, guck hier hin, kauf mich, mach so, nein, mach anders. Und alles ist kommunikations-ästhetisch bestens verpackt. Nein, nicht nur verpackt: AUFGEHÄNGT in seine Wirklichkeit, die wir immer mitlesen. Schwindel der Wirklichkeit. Uns schwindelt.
Und so eine Vielstimmigkeit betrifft die brennend auf der Hand liegenden sozialen Fragen (Armut, Hunger, Flucht, Leid, Verschwendung, Ungerechtigkeit, sinnlose, mutwillige Zerstörung aus Habgier, Zynismus, Arbeitslosigkeit, Gier, Gier, Rassismus, Dummheit, Krankheit, mangelndes Mitgefühl, blödsinnige Zerstreuung, Konsumismus und alles …) unserer Existenz ins Herz, in die Mitte.
Das lässt sich heute nicht mehr nur mit Themen, Themensetzungen und deren Darstellung und Problematisierung abhandeln.
Auch, auch muss es das geben. Aber nicht nur.
Musiktheater ist ein thätiges Labor.

Das Theater ist die thätige Reflexion der Menschen – Wahnsinn – Glück – Zufall – die Weltcharte. Novalis, Fragmente

Wie müsste ein zeitgenössisches Musiktheater aussehen, das mit unserer heutigen, diversen, hybriden Gesellschaft in Dialog treten will?

Divers, konzentriert, auch hybrid, was es ja so gut wie immer schon war (Musik-Theater eben).

Musikalisch!! Zeitgenössisch!! Mutig!!

Autonom! (Was nicht Unabhängigkeit meint, sondern „geglückte Abhängigkeit“.) Verspielt. Am Einzelnen interessiert, der Wahrnehmung und Wertschätzung des Einzelnen (Raumes zwischen den Dingen, den Ereignissen, Raumes zwischen den Menschen, wie er schwingt und gestaltet ist, wie er überhaupt entsteht, wie er sich fortspinnt, sich teilt), Wertschätzung des einzelnen Menschen, der Perspektive einzelner Menschen gewidmet, ihren Brüchen, Abgründen, Sinnlosigkeiten.

Schönheit hat kein Geschlecht. Das Schöne ist neutral.

Die Bedingungen der Aufführung gehören ins Stück komponiert.

(Das macht eigentlich alle Kunst.)

Musiktheater muss seinen Werkzeugkasten, den Fundus seiner „Sprachen“ zeigen, kenntlich und sichtbar (also hörbar) machen. Wir spüren, wir wissen, dass wir hören, wenn wir zuhören. Alles wird sichtbar.

Musiktheater muss – falls es ihn dabei hat – von seinem blöden Sockel runter.

Es muss die Distanzen schaffen (Nähen und Entfernungen als Prozess), die kenntlich machen können.

Es muss fühlbar weiter gehen.

Theatral ist der Prozess der Hervorhebung für Menschen.

Und wenn das gelingt, ist es Kunst.

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MORITZ EGGERT.

Komponist und Pianist*

Was möchten Sie gerne im Musiktheater erleben? Was davon findet wirklich statt?

Was ich erleben möchte: Mut zum Erzählen, Lebensnähe, Emotionen, Überwältigung, Spektakel, Staunen, Magie, Zauber. Ich möchte Tränen der Rührung vergießen, ich möchte lachen, ich möchte weise werden, ich möchte einen Blick in phantastische Welten werfen, die nur auf der Bühne entstehen können. Ich möchte sehen, wie Schweiß vergossen wird und wie Wunder geschehen, weil Menschen alles für diesen einen Moment der Wahrheit auf der Bühne wagen und aufs Spiel setzen.
Was aber sehe ich meist stattdessen? Komponisten, die irgendwen mit irgendwas beeindrucken wollen und langweilige Konzeptscheiße produzieren, anstatt einfach das aufzuschreiben, das sie lieben und für das sie brennen. Staats-, Landes- und Stadttheater die meinen, wie Kellner irgendjemanden „bedienen“ zu müssen, zum Beispiel irgendeinen ominösen fucking „Publikumsgeschmack“. Gewerkschaften, die vor lauter Tarifverträgen keine Welt mehr sehen (frei nach Rilke). Regiekonzepte anstatt Leidenschaften, Zitatsammlungen anstatt Wahrheit. Ästhetischen „Diskurs“ anstatt Freiheit.

Sollte sich Oper in dem Maße für soziale Fragen öffnen wie es das Schauspiel tut? Wenn ja, warum und wie?

Ja, ja und ja. Und nicht nur das, die Oper muss wieder Zentrum und Herz der Städte werden. Hindemith sagte richtig „machen geht über fühlen“, das heißt wir müssen die Menschen einer Stadt nicht nur als Publikum in die Oper locken, sondern sie auch in viel größerem Maße mitmachen lassen. Wir brauchen mehr Kinderchöre, Hilfschöre, Statisten. Wer mitmacht, lässt sich von Begeisterung anstecken. Opernhäuser müssen wieder Orte der Begegnung werden, auch der politischen.

Sie müssen sich einmischen, frech sein, provozieren und ermutigen. Wir brauchen wieder ein schnelles Musiktheater, nicht eines, dass vor lauter Materialdiskussion nur mühsam in die Gänge kommt. Es muss reagieren können auf Tendenzen der Zeit, auf aktuelles, die Menschen müssen sich auf der Bühne wiederfinden können, alle Schichten des Volkes, so wie es zu Shakespeares Zeiten möglich war. Wir brauchen z.B. neue politische Operetten (oder wie auch immer man das nennen mag), die nicht für die Ewigkeit geschrieben sind sondern für den Moment. Wir brauchen neue Genres, neue Opernformen, für eine neue Zeit.

Das 19. Jahrhundert kann uns keine Antworten mehr geben auf Flüchtlingskrisen, ISIS, google und Donald Trump, egal wie wir es drehen und wenden und verkrampft regietheatermäßig aufmotzen: es hat diese Antworten nicht. Daher müssen wir neue Antworten finden. Und das geht nur mit neuen Mitteln.

Wie müsste ein zeitgenössisches Musiktheater aussehen, das mit unserer heutigen, diversen, hybriden Gesellschaft in Dialog treten will?

Es müsste sich der Verantwortung bewusst sein, dass der wilde Raum der Imagination den das Theater kreiert ein Raum der Freiheit ist, und dass diese Freiheit ein enormes Geschenk an die Zuschauer darstellt. Auf der Bühne können komplexe Dinge verhandelt, menschliche Obsessionen und Abgründe aufgezeigt werden, ohne dass irgendjemand zu Schaden kommt. Und vor allem: es geht um Freiheit. Freiheit in einer zunehmend fremdbestimmten Wirklichkeit hat ein enormes revolutionäres Potential, dem sich die durch Subvention oft auch bequem gewordenen Theater oft nicht bewusst sind. Dabei ist gerade diese Subvention in Wirklichkeit ein Geschenk und ein wichtiges europäisches Erbe, wir müssen nur damit auch wirklich umgehen.
Aber das Wichtigste: es müssten mindestens zu 50% zeitgenössische Werke gespielt werden, überall und an absolut jedem Opernhaus. Jedes Mal wenn mal wieder irgendeine obskure und langweilige Barockoper von einem vergessenen Komponisten ausgegraben wird anstatt dass ein tolles, funktionierendes Stück eines lebenden Komponisten nachgespielt wird (was fast nie geschieht) stirbt die Oper. Wenn die Oper nicht heutig ist, wie soll sie dann den Menschen von heute irgendetwas sagen? Diese verzagte und eitle Museumsbetrieb wie wir ihn heute haben, ist ein Verrat an der großen wunderbaren Tradition der Oper, deren Erbe unser Reichtum ist. Die Gegenwart braucht den Dialog mit der Tradition, aber ohne Gegenwart ergibt diese Tradition keinen Sinn mehr.

Man stelle sich einen Buchverlag vor, der nur Bücher aus dem 19. Jahrhundert druckt. Oder ein Kino, dass allein Stummfilme aus den 20er Jahren zeigt und nur ganz selten einen Film aus der heutigen Zeit. Es wäre absurd, aber genau das tun die Opernhäuser, und das ist eine erbärmliche Schande. Und wenn ich noch einmal das Argument höre, dass das Publikum sonst davon liefe, muss ich kotzen, denn das ist das verlogenste Argument überhaupt. Das momentane Publikum läuft nicht weg, es stirbt weg. Und wenn wir jetzt nicht umdenken, dann war’s das mit der Oper.

*Foto: Mara Eggert

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